Donnerstag, 24. Dezember 2015

abschied | abflug | ankunft

Am 15. Dezember 2015 war es endlich soweit. Ich saß wie betäubt im Flieger, zu Tode erschöpft, das Hirn wie Matsch, der Magen ein einziger Knoten und ich schwankte zwischen angestrengter Coolness und hysterischem Kichern mit einem stummen Kopfschütteln über mein Vorhaben. Pures Emotionsgewitter.




Spulen wir ein paar Tage zurück.

Die letzten Wochen und Monate waren so sehr von Arbeit, Hausrat auflösen, neue Versicherungen abschließen und Job übergeben geprägt, dass ich wenig Zeit hatte, meinen Emotionen freien Raum zu geben. Ich habe einfach nur funktioniert, bin jeden Tag auf das Neue in mein Hamsterrad gestiegen und habe getan, was getan werden musste und meine ToDo-Liste abgearbeitet. Der Tag der Abreise lag ja auch noch soo weit entfernt, ich hätte noch genug Gelegenheit für Emotionalität, mich von meinen Lieben zu verabschieden. Dass die letzten Tage jedoch eine reine Achterbahnfahrt der Gefühle sein würden und ich ein Wechselbad von unbekannten Emotionen durchleben würde, war mir in der Intensität nicht bewusst. Wie auch, so etwas habe ich vorher ja auch noch nie gemacht.

Der November war jedes Jahr ein besonders arbeitsintensiver Monat bei mir. Ich betreute eine Veranstaltungsreihe, die in Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt und München (pro Woche ein Standort) stattfand. Dieses Jahr hat der November allen bisherigen Stress in den Schatten gestellt. Parallel zu diesen Kundenveranstaltungen löste ich abends weiterhin meine Habseligkeiten auf, leerte meine Wohnung, machte an den Wochenenden fleißig Hausflohmarkt und arbeitete meine Nachfolgerin ein.

Am 30.11.2015 stand dann die nächste große Herausforderung an: die Wohnungsübergabe. An dem Tag habe ich meine geliebte „Creekstreet-Lounge“ (so nannten wir liebevoll meine Wohnung in der Bachstraße), die ich nunmehr fast 14 Jahre bewohnt habe, die mein Zuhause, mein Zufluchtsort, meine Erholungsstätte, meine Rückzugs- und Wohlfühloase war, übergeben. Es war ein grau-gruselig-schrecklicher Tag und dann fiel dieser auch noch auf einen Montag. Dass dieser Tag einer der emotional schwierigsten – neben dem Abschied von Familie & Freunden & Arbeitsstelle – in meinem Leben sein würde, war von vornherein klar. Als hätte ich nicht schon genug mit diesen Emotionen zu kämpfen, ist mir an dem Morgen auch noch ein riesiger Fauxpas unterlaufen, der den Tag nochmal zusätzlich schrecklich belastet hat. Da ich eine leichte Schilddrüsenverstimmung habe, muss ich jeden Morgen eine Tablette einnehmen. Diese muss direkt nach dem Wachwerden eingenommen werden. Das habe ich auch an diesem Morgen gemacht, aber leider habe ich im schlaftrunkenen Zustand die Packung neben dran erwischt und somit anstelle einer Schilddrüsentablette eine SCHLAFtablette eingeworfen. Noch während die Tablette meinen Schlund hinabglitt merkte ich den Fehler. Ich rannte direkt ins Bad, um diese schnell wieder auszuspucken, leider vergebens. Also blieb mir nichts anderes übrig, als diesen Tag in einem Halbdämmerzustand hinter mich zu bringen. Traurig war die Übergabe dennoch, dieses Gefühl konnte mir leider auch die Schlaftablette nicht nehmen.

Es war mir ein Bedürfnis, mich von den meinen engsten, geliebten Menschen adäquat zu verabschieden. Also habe ich das Café Auszeit in Bad Homburg (mein 2. Wohnzimmer) am Freitag, den 11. Dezember 2015 angemietet und ca. 80 Personen eingeladen. Es sollte ein rauschendes Fest voller Freude, Harmonie und Liebe sein, die Menschen sollten meine Sehnsucht nach Veränderung spüren und an diesem Herzenswunsch teilhaben. Es war eine symbolische Hochzeit mit mir selber, eine Hochzeit mit meinem neuen Leben. Was soll ich sagen, genauso war es. Der Raum war erfüllt mit Herzlichkeit und Liebe. Es wurde gelacht, getanzt, gefeiert, gesungen und geweint. Sehr innig. Danke.


Den Samstag darauf verbrachte ich mit einem Kater, eine Mischung aus Alkoholresten und emotionalem Wirrwarr. Ich versank in den lieben Karten, die mir die Leute zum Abschied geschrieben haben. Mehr passierte nicht an diesem Tag.  

Am Sonntag musste ich dann die kleine Wohnung, die ich die letzten 2 Wochen nach der Wohnungsübergabe bewohnt habe, aufräumen, meine letzten Kleider und Sachen bei meinen Eltern unterbringen und meine Reisetasche final packen.

Dann folgte meine nächste Abschiedsfeier: Im Büro haben sie mir eine Überraschungsabschiedsfeier organisiert. Ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an den Tag denke. Fast alle Kollegen (wir sind ca. 200 Personen in der Firma) waren anwesend. Mein Chef hat sich nicht lumpen lassen und Champagner, Bier und ein Buffet organisiert. An den Wänden hingen Plakate mit meinen Bildern, auf einer Leinwand spielte eine Diashow mit Fotos von mir aus den letzten 10 Jahren in der Firma und die Krönung war ein ca. 12-köpfiger Chor, sie sangen auf die Melodie von que sera einen selbst kreierten Text, in dem es um mich ging. Mein Körper schüttelte sich vor Rührung, ich rang dauerhaft mit meinen Tränen, mein Hals war zugeschnürt. Ich liebe diese familiäre Firma, habe Freunde für das Leben gewonnen und werde immer mit ihnen verbunden sein.

Nun liege ich in meiner Hängematte in Koh Jum in Thailand und lasse die letzten 6 Monate Revue passieren. Das Gefühl, dass ich alles richtig gemacht habe, auch wenn es sich zwischenzeitig immer mal sehr mutig, verrückt und durchgeknallt anfühlte, macht sich immer breiter in mir. Ich spüre mit jeder Faser meines Ich's, dass das genau der richtige Schritt war, den ich gehen musste.

Die ersten 3-4 Wochen, möchte ich nur chillen, zur Ruhe kommen, ankommen. Ich denke, dass Thailand mit seinen zauberhaften Inseln dafür prädestiniert ist.

Ich wünsche Euch allen ein schönes und gesegnetes Weihnachtsfest im Kreise Eurer Lieben...

Bis bald, herzlichst Eure
SissiBelle


Abschied am Flughafen


1 Kommentar:

  1. Liebe SissiBelle,

    ein wirklich sehr persönlicher Beitrag ist das geworden. Aber ich habe ihn sehr gerne gelesen und mich natürlich in vielen Punkten wiedererkannt.

    Allerdings war mein Abschied nicht ganz so schwer wie deiner, ich war ja durch mein vorangegangenes Auslandssemester auch vorher schon weg, könnte man sagen. Auch hatte ich keine so Arbeitsplatz oder eine Familie, von der ich mich hätte verabschieden müssen. Gute Freunde sind allerdings immer noch in Deutschland.

    Tatsächlich würde ich aber sagen, dass gerade die Freundschaft zu meiner engsten Freundin kaum, wenn nicht keinen, Schaden von den mehr als 10000 Kilometern Entfernung genommen hat.
    Wir schreiben oder sprechen (per Voice Message) (fast) jeden Tag und skypen in der Regel einmal pro Woche. Mit so viele Menschen, wie du sie hier erwähnt hast, wird das sicherlich etwas schwierig werden, aber ich denke mit den dir wichtigsten wirst du sicherlich weiterhin einen guten Kontakt aufrechterhalten können. Das ist zumindest meine Erfahrung nach fast 1,5 Jahren in Vietnam.

    Ich wünsche dir einen guten Start in dein neues Leben und hoffe, dass wir uns auch mal persönlich kennenlernen. Jetzt wo wir fast Nachbarn sind, sollte das ja nicht so schwer sein :D

    Liebe Grüße,
    Etienne

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